Sonntag, 25. Januar 2026

Radio Activity – Ein Radiosender als Hacker

 

Buchcover


Der WDR war lange Zeit leuchtendes Vorbild für gute Kriminalhörspiele, wurde aber ein wenig Opfer der Zentralisierung durch die ARD Audiothek. Um so schöner, dass der WDR ein eher unbekanntes Werk ausgegraben und bearbeitet hat. Das 320-Seiten starke Buch der Autorin Karin Kalisa ist bereits 2019 erschienen.


Inhalt


Erst beim Tod ihrer Mutter erfährt die Radiomoderatorin Nora davon, dass ihre Mutter Jahrzehnte lang unter einem sexuellen Missbrauch als Kind leiden musste. Eine juristische Aufarbeitung war nicht möglich, weil der Fall bereits verjährt ist. Nora arbeitet als Moderatorin beim freien Radio Tee und Teer als Moderatorin einer Morgensendung. Sie ist kommunikativ und clever und entsetzt darüber, dass Missbrauch mit Kindern verjährt. Sie entwickelt eine Schnapsidee: Was, wenn im Gesetzestext dieser Verjährungspassus nicht mehr drinsteht? Gemeinsam mit dem Rechtsreferendar Simon gehen sie zu Hackern und erkundigen sich: Man braucht ein paar Tage, aber es geht. Und es passiert. Über den Sender und die Beiden bricht ein Sturm der Freude, aber auch der Entrüstung aus.

 

Das Hörspiel

 

Das Hörspiel lässt die Atmosphäre eines freien Radios erleben. Die charakterfeste Nora ist das Zentrum des Geschehens, der unsichere Simon eher Beiwerk. Die Dramaturgie greift nur einen kleinen Teil der literarischen Vorlage auf: Ein Gedankenspiel wird in die Tat umgesetzt. Unüberhörbar ist die Sendung eine einzige Anklage gegen diese juristisch gesetzte Ungerechtigkeit. Jederzeit ist hörbar, wer richtig denkt und wer falsch. Abbiegen oder Zaudern ist nicht vorgesehen. Inszeniert und sprachlich eindeutig für junge Hörer als Zielgruppe eingerichtet. Viel äh, ach ja, genau und unpassende Pausen. Kein Sprecher nutzt auch nur annährend die Möglichkeiten der Rolle. Die Story folgt den wenigen Tagen der Chronologie und ist durchaus kurzweilig, wenngleich nicht spannend. Attraktiv und leicht nostalgisch sind manche musikalische Einspieler der jeweiligen Live-Sendung. Selten wurde eine begeisternde Vorlage so schlecht umgesetzt. Es ist zu befürchten, dass das Anliegen einer Gesetzesänderung niemanden bewegen wird, seine Haltung zu ändern. Schade drum. 

                                       

Fazit 

 

Chance vertan, ehrenwertes Anliegen, immerhin nett anzuhören.

 

Wertung 75 % 

 

 

Dauer      ca. 70 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek

Sonntag, 18. Januar 2026

Frank Malone – Miniepisoden im Stile Maloneys

 



Außer dem ÖRR und den kommerziellen Anbieter gibt es immer noch Hörspiel-Enthusiasten, die produzieren, weil sie Spaß daran haben. Dabei ist das Niveau oft erstaunlich hoch. In diese Gruppe gehört auch das in Münster ansässige Jack Turner Kollektiv, deren Werken man anhört, dass sie aus der Musikszene stammen. Aus dieser Werkstatt stammen die 6/7-minütigen Minihörspielen um den New Yorker Privatdetektiv Melone.



Die Vorlage


Die Figur des Philipp Maloney stammt aus der Feder des Schweizer Autors Roger Graf, der nach gut 400 Episoden das Gefühl hatte, nun sei alles auserzählt. Es kam hinzu, dass der jahrzehntelange Sprecher Michael Schacht überraschend verstarb. Bis heute werden die knapp 30-minütigen Hörspiel gesendet. Der Autor fasst die Figur so zusammen:

 

„Privatdetektiv Philip Maloney ermittelt mit Charme, Schalk und unverkennbarer Raubeinigkeit. Seine Fälle werden ihm von seinen Klienten zugetragen und beginnen harmlos, doch stösst Maloney im Laufe der Ermittlungen meistens auf eine Leiche. „

Also durchaus als witzig-kritische Hommage an die Crime noir im Stile Chandlers gemeint.

 

Die bisherigen Fälle

 

New York zu unbestimmter Zeit, verruchte Bars, Halb-Unterwelt, Halb-Highsociety. Malone – Ex-Cop, Ex-Ehemann. Ein mittelalter Mann, der mit sich abgeschlossen hat und die Abgründe in der Welt und in sich magisch anzieht. Die Episoden sind kurz und nutzen ein wiederkehrendes Schema. Immer gleiches Intro, ebenso wie das Ende: Malone erhält einen Auftrag von einer attraktiven Frau, setzt sich mit der Unterwelt New Yorks auseinander und bahnt die Lösung an. Die Feinarbeit überlässt er der Polizei. Malone hat eine tiefe, raue, ruhige Stimme, die schon verrät, dass die Klienten bei ihm richtig sind. Auch die Stimme des Erzählers ist ruhig und einprägsam. Die Damen dürfen schon mal schrill und nervös klingen. Ein Highlight ist die eigens komponierte Musik, die stimmig die Dramatik begleitet. Die Handlung ist einfallsreich bis kurios, macht immer neugierig. 

 

                                       

Fazit 

 

Chapeau. Hochprofessionell erstellt, blendend gemacht und eine wunderbar-ironisches Hörvergnügen. Alles vorhanden, was eine erfolgreiche Dauerserie braucht.

 

 

Dauer       5 Episoden zu je ca. 7 Min. (Stand: Dez.2025)

 

Verfügbarkeit

 

Auf den gängigen Streaming-Angeboten und für Sammler als Single

 

http://www.roggen-roll-shop.de/epages/64652728.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/64652728/Products/JT08

 

 

Sonntag, 11. Januar 2026

Sherlock Holmes Baker Street – Ein neue Serie im Holmes-Kosmos



Die Pastiche-Episoden erfreuen die Hörer seit Jahren. Seit kurzem gibt es auch wieder erfolgreiche Kanon-Erscheinungen (z.B. Holysoft). Der Zaubermond Audio Verlag veröffentlicht mit der „Studie in Scharlachrot“ als erster Episode einen Kanon-Stoff als Appetizer. Die weiteren Folgen sind offenbar eine Mischung aus Doyles Stoffen oder aus Motiven des Haus-Autors Dennis Ehrhardt.


1 Studie in Scharlachrot


Dieses Hörspiel basiert auf der gleichnamigen Geschichte von 1887, in der Holmes das erste Mal erschien. Dieser Roman wurde bereits 1894 unter dem Titel „Späte Rache“ übersetzt. Es existieren lediglich 5 Hörspielfassungen.

Unüberhörbar ist diese Interpretation ein Ear-Catcher. Die Figuren werden ausführlich dargestellt und der Text hält sich eng an die Vorlage. Mit 2,5 h eine eher lange Fassung. Textlich eine gute Mischung aus England-Touch und gegenwärtiger Alltagssprache. Die Sprecher können mit den berühmten Interpreten durchaus mithalten, wenngleich Puristen die Nase rümpfen. Sie vermeiden die so häufig zu hörende Affektierung. Tempo, Betonung und Intonation stimmen und können in der Gegenwart gut gehört werden. Sound ist eher sparsam eingesetzt, aber die Musikbegleitung ist immer wieder schön zu hören und verstärkt die Atmosphäre.

 

2 Das Porzellanzimmer

 

Frühjahr 1881: Wenige Wochen nach der »Studie in Scharlachrot« stirbt Dr. Phineas Vale, Watsons väterlicher Freund und Mentor, auf Marwood Manor. Gift. Watson bittet Holmes um Hilfe, doch der ermittelt bereits in einem anderen Fall. Watson reist allein – und wird im Porzellanzimmer von Marwood Manor Zeuge eines bizarren Rituals: ein Rätsel, dessen Enthüllung ihn in tödliche Gefahr bringt. Mit gut 90 Minuten Laufzeit ist es eine eher längere Erzählung, die mit Ruhe und Liebe zum Detail erzählt wird. Die Stimmen halten nicht das Niveau der ersten Episode. Die Handlung ist eher abstrus und nicht immer überzeugend, für die Ermittlung und Aufklärung des Falles nimmt man sich viel Zeit. Holmes Deduktion als gut funktionierender Problemlöser.

3 Die drei Spiegel

 

Während Lestrade noch mit dem Mord an einem bekannten Krimiautor befasst ist, kümmert sich Sherlock um eine Nebensache.  In der Royal Albert Hall zerbersten gleichzeitig drei Spiegel. Es wird niemand verletzt, aber in wenigen Stunden soll Premiere eines neuen Konzertes sein. Sherlock ahnt Böses und ermittelt gegen alle Widerstände in der Musikszene. Eine ungewöhnliche spannende Szenerie.

 

4 Das gefleckte Band

 

Ein Klassiker von Doyle: Dieses Mal ermitteln Holmes und Watson im Auftrag von Helen Stoner, um den rätselhaften Tod ihrer Schwester aufzuklären – und sie selbst vor drohender Gefahr zu bewahren. „Das gefleckte Band“ waren die letzten Worte der toten Schwester, in ihrer Hand fand man ein abgebranntes Streichholz. In den Nächten vor ihrem Tod hatte die junge Frau oft ein leises Pfeifen gehört – genau dieses unheimliche Geräusch raubt jetzt auch Helen Stoner den Schlaf.

 

Zwischenbilanz

 

Fiktiv folgen die Episoden den chronologischen Aufzeichnungen Watsons. Sprachlich sind die Texte sehr nahe am Stil von Doyle, atmosphärisch immer überzeugend. Bemerkenswerte musikalische Begleitung und ein gutes Gefühl für das Timing. Die Spielzeit passt sich jeweils den Stoffen an und variiert entsprechend. Die Sprechregie hat noch Luft nach oben. Die Nebenrollen halten nicht das Niveau der beiden Hauptpersonen.

 

                                       

Fazit 

 

Für eingefleischte Holmes-Fans ein absolutes Muß. Diese neue Reihe kann auf hohem Niveau mithalten. Für Gelegenheitshörer nette, bestens inszenierte Geschichte mit Holmes und Old-England Flair in Spielfilmlänge.

 

Wertung 85 % 

 

 

Dauer ab 90 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

Auf den üblichen Streaming-Diensten

Sonntag, 4. Januar 2026

Miss Marple beim SRF- Vier neue Geschichten

 

Buchcover


Der Rechte-Kosmos von Agatha Christie hat sich einen Ruck gegeben. Im Sept.2022 durften 12 neue Geschichten (im Englischen) um Miss Marple erscheinen. Die namhaften Autorinnen nutzen den vorgegebenen Rechterahmen, um ein wenig nostalgische, der Gegenwart angepasste Kurzkrimis zu gestalten. Der SRF hat ja eine lange Tradition von Sondersendungen kurz vor Weihnachten. Er hat nun Ende 2025 mit 4 dieser Kurzgeschichten als inszenierte Lesungen ein besinnlich-nostalgisches Hörfest daraus gemacht.


Die Autorinnen des Buches


Lucy Foley, Ruth Ware, Val McDermid, Leigh Bardugo, Naomi Alderman, Karen M. McManus, Kate Mosse, Alyssa Cole, Elly Griffiths, Natalie Haynes, Jean Kwok, Dreda Say Mitchell. 


Die Lesungen

 

Wie immer bietet der SRF seine Sendungen kuratiert an, d.h. Susanne Jansson und Wolfram Höll leiten in fachkundiger, stets unterhaltsamer Manier ein- und aus. So etwas gibt es in Deutschland sonst nur bei Pastewka mit Kein Mucks.

In gewohnt hoher Qualität hat die Redakteurin Susanne Jansson vier Geschichten vertont, d.h. in diesem Fall ein zarter Geräuschhintergrund und wunderschöne, eher besinnliche Musik Die Auswahl garantiert nostalgische Erinnerung in zeitgemäßer Umsetzung mit blutdruckgerechter Spannung. Die Autorinnen garantieren für Freude über Formulierungen. Hier hat der Urenkel von Agatha Christie nichts falsch gemacht. Die jeweils unterschiedlichen Vorleser beherrschen ihr Repertoire bestens, ohne sich zu inszenieren. 

 

Die einzelnen Titel

 

Das Böse in kleinen Botschaften (Foley)

 

Die berühmteste Detektivin der Welt ist zurück! Dank zeitgenössischen Bestseller-Autorinnen, die in der Tradition von Agatha Christie schreiben: voller britischem Charme, aber auch mit cleveren Modernisierungen. Der erste Fall seziert die Unterschiede zwischen Hausherren und Bediensteten ...

 

Die Jadekaiserin (Kwok)

 

Mord im Ostasien-Express! Miss Marple reist nach Hongkong: an Bord des Dampfers «Die Jadekaiserin». Sie freundet sich mit einem älteren chinesischen Herren an. Bald wird er ermordet – und er wird nicht der einzige bleiben. Miss Marples Neugier für andere Kulturen ist gefragt ...

 

Miss Marples Weihnachten (Ware)

 

Die feine Stube festlich geschmückt, der Lendenbraten im Ofen, und die Festgesellschaft eingeschneit. Was fehlt noch zum weihnachtlichen Krimi-Vergnügen? Ein Verbrechen! Da wird eine sündhafteure Halskette gestohlen. Ein Fall für Miss Marple! Festlicher Hörspielspass nach Agatha Christie.

 

Eine tödliche Hochzeit (Mitchell)

 

Es wird Hochzeit gefeiert, in der englischen Oberschicht. Die Fassade muss um jeden Preis gewahrt werden – eine Tote stört da eher. Noch dazu wenn, sie vor aller Augen zusammenbricht! Doch Miss Marple und ihre ermittelnde Freundin Bella Baptiste lassen nicht locker ...

                                               

Fazit 

 

Den Kamin anschmeißen, sich in den Lehnstuhl begeben. Kopfhörer auf und Augen zu. So kann man das Leben und seine Geschichten genießen. 

 

Wertung 90 % 

 

Dauer       vier Episoden mit jeweils etwas mehr als 60 Min.

 

 

Verfügbarkeit

 

Beim SRF als Download: https://www.srf.ch/audio/krimi/neue-faelle-fuer-miss-marple-1-das-boese-in-kleinen-ortschaften?id=AUDI20251211_NR_0004

 

Radio Activity – Ein Radiosender als Hacker

  Buchcover Der WDR war lange Zeit leuchtendes Vorbild für gute Kriminalhörspiele, wurde aber ein wenig Opfer der Zentralisierung durch die ...