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| Buchcover |
Der WDR war lange Zeit leuchtendes Vorbild für gute Kriminalhörspiele, wurde aber ein wenig Opfer der Zentralisierung durch die ARD Audiothek. Um so schöner, dass der WDR ein eher unbekanntes Werk ausgegraben und bearbeitet hat. Das 320-Seiten starke Buch der Autorin Karin Kalisa ist bereits 2019 erschienen.
Inhalt
Erst beim Tod ihrer Mutter erfährt die Radiomoderatorin Nora davon, dass ihre Mutter Jahrzehnte lang unter einem sexuellen Missbrauch als Kind leiden musste. Eine juristische Aufarbeitung war nicht möglich, weil der Fall bereits verjährt ist. Nora arbeitet als Moderatorin beim freien Radio Tee und Teer als Moderatorin einer Morgensendung. Sie ist kommunikativ und clever und entsetzt darüber, dass Missbrauch mit Kindern verjährt. Sie entwickelt eine Schnapsidee: Was, wenn im Gesetzestext dieser Verjährungspassus nicht mehr drinsteht? Gemeinsam mit dem Rechtsreferendar Simon gehen sie zu Hackern und erkundigen sich: Man braucht ein paar Tage, aber es geht. Und es passiert. Über den Sender und die Beiden bricht ein Sturm der Freude, aber auch der Entrüstung aus.
Das Hörspiel
Das Hörspiel lässt die Atmosphäre eines freien Radios erleben. Die charakterfeste Nora ist das Zentrum des Geschehens, der unsichere Simon eher Beiwerk. Die Dramaturgie greift nur einen kleinen Teil der literarischen Vorlage auf: Ein Gedankenspiel wird in die Tat umgesetzt. Unüberhörbar ist die Sendung eine einzige Anklage gegen diese juristisch gesetzte Ungerechtigkeit. Jederzeit ist hörbar, wer richtig denkt und wer falsch. Abbiegen oder Zaudern ist nicht vorgesehen. Inszeniert und sprachlich eindeutig für junge Hörer als Zielgruppe eingerichtet. Viel äh, ach ja, genau und unpassende Pausen. Kein Sprecher nutzt auch nur annährend die Möglichkeiten der Rolle. Die Story folgt den wenigen Tagen der Chronologie und ist durchaus kurzweilig, wenngleich nicht spannend. Attraktiv und leicht nostalgisch sind manche musikalische Einspieler der jeweiligen Live-Sendung. Selten wurde eine begeisternde Vorlage so schlecht umgesetzt. Es ist zu befürchten, dass das Anliegen einer Gesetzesänderung niemanden bewegen wird, seine Haltung zu ändern. Schade drum.
Fazit
Chance vertan, ehrenwertes Anliegen, immerhin nett anzuhören.
Wertung 75 %
Dauer ca. 70 Minuten
Verfügbarkeit
ARD Audiothek

