Montag, 6. Juli 2026

Übertherapie- Tango, Hölderlin und ein Mordfall

 

© ARD / Jürgen Frey


Seit 2019 lässt der RBB den verlässlichen Autor Tom Peuckert mit seinen Protagonisten Christian Wonder und Ariane Kruse im Herzen Berlins ermitteln. Wonder ist der solide Abarbeiter der Fälle mit leichtem Hang zur Selbstanalyse. Die russisch-stämmige, trinkfeste Kruse hingegen bringt die Fälle auf den Punkt. Auch die Regie von Kai Grehn und die Musik von Tawater sind in allen 8 Fällen konstant geblieben. Dieses Paket schlägt mittlerweile den Hammer Tatort.

Inhalt

Dr. Arzt Dr. Böttiger wird ermordet aufgefunden. Diese etwas schräge Person hatte ein Herz für Drogenabhängige und hat ihnen mit legalen und illegalen Mitteln immer geholfen. So einen bringt die Szene doch nicht um. Aber es gibt noch eine andere Seite: Der cholerische Böttiger hat unentwegt Politiker verklagt und sich gegen den Deep State gewehrt. Keine leichten Ermittlungen also. Die Sprechstundenhilfe weiß lediglich, dass manche der Patienten den Arzt gehasst haben, andere haben ihn verehrt. Die letzte Patientin Isi Langner gerät in Verdacht, Videoaufnahmen zeigen sie schluchzend aus dem Haus laufen. Gegner hatte Böttiger auch bei Politik genug. Und einen Kommissar hat Böttiger in die vorzeitige Rente gebracht. Da braucht es schon die gemeinsame Ermittlungskunst von Wonder und Kruse, um den Fall zu klären.

 

Das Hörspiel

Die Konstruktion ist klasse: Der Hörer ist am Beginn Zeuge des Mordes, allerdings ohne Details  erlauschen. Aber der Reihe nach. Der Autor Tom Peuckert kann überzeugende Vorlagen liefern und dabei lyrische, bildhafte und träumerische Formulierungen nutzen. Der Hörer erlebt seine Protagonisten als reale Person, aber nie persönlich. Die Regie gibt den Sprechern die richtigen Anregungen und vertieft oder entwickelt einzelne Szenen. Das Hörspiel beginnt mit einem Gedicht von Hölderlin, untermalt von einem Bandeneon. Dann folgt eine Berliner Stimme: „Idioten nur Idioten“. Jede Berliner Schnauze hat ihren eigenen Slang und Tonfall, kann man nicht verwechseln. Die nicht immer einfache musikalische Begleitung von Tawater nimmt dies alles auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen oder Teil der Handlung zu werden. Die Ermittlungen sind wie der Tango den Wonder mit seiner Partnerin übt: Jeder Schritt muss sitzen. Und der Fall wird gelöst, weil die Art der Ermittlung so besonders ist. Bei aller Spannung hat der Autor auch ein gesellschaftliches Anliegen: Jeder Mensch hat mit allen Stärken und Schwächen ein Recht auf würdiges akzeptiertes Leben und es gibt nicht nur Schwarz und Weiss. Der bekommt Hölderlin noch eine andere Bedeutung: Der Blick nach Innen, ins Gefühlte verändert den Blick auf die Welt.

Fazit 

Ein leuchtender Stern in der oft genug Durchschnittsware Milchstraße Radio-Tatort. Ein Höhepunkt der Hörspielkunst, aber auch etwas eigenwillig.

Wertung            90 %

Dauer                 53 Minuten

Verfügbarkeit    ARD Sounds

 

 

 

Sonntag, 28. Juni 2026

Ein Paket für Mr. Shapiro


Das englische Original auf Youtube


Den Hosts des SFR ist es zu verdanken, dass der gute alte Spionageroman nicht gänzlich vergessen wird. Anfang Juni 2026 wird das “Paket“ des renommierten britischen Theaterautor präsentiert. Es erschien erstmals im britischen Radio 1975 und der SFR hat dann 1975 die einzige deutschsprachige Fassung mit namhaften Sprechern produziert. Ein Genre, welches mit Eric Ambler und LeCarre eine alte Tradition hat, wird aktuell eher durch Politkrimis ersetzt. Obgleich es reichlich Stoff gibt.

Inhalt

Der frisch aus Deutschland nach England angereiste Mr. Collier wurde gebeten ein Paket für einen Mister Shapiro in einer Pension abzugeben. Doch den gibt es nicht, besser vor längerer Zeit gab es ihn. Ärgerlich, aber nicht sein Problem. Doch es wird für ihn zu einem Problem. Die Wirtin ist in Wahrheit Hüterin eines Safe-Houses für den Geheimdienst und hat unverzüglich ihre Mannen informiert, den Shapiro ist zwar ein Codewort, aber seit 2 Monaten abgelaufen. Carter vom British Intelligence holt Collier zum Verhör. Es stellt sich heraus, dass politisch hochsensible Fotos in dem Paket waren. So beginnt eine Spionagegeschichte mit Geheimdienstlern und Verrätern in der „Ostzone“, vielleicht auch in England. Und wie üblich traut keiner der Ermittler dem anderen über den Weg. 

 

Das Hörspiel

Das Hörspiel besteht im Wesentlichen aus Verhören und entsprechenden Dialogen, alles ohne Erzähler und Musik. Die Anzahl der Personen ist überschaubar, alle gut an ihren Stimmen zu erkennen. Wie bei den russischen Matrjoschkas entsteht nach jedem Verhör, nach jeder neuen Person ein etwas anderes Bild der Realität. Daraus entsteht die Spannung. Es ist noch nicht die Zeit der High-Tech-Überwachung. Ältere Hörer werden sich gut an die Zeit des Kalten Krieges erinnern, die hier abgebildet wird. Die Vorlage verlangt Top-Sprecher, um jede Nuance, jedes Wortspiel zu nutzen. Dies ist gelungen und der Hörer lauscht ohne Pause diesem Thriller. 

Die Hosts des SFR verlinken dankenswerterweise auf das englische Original und zwei ebenso spannende Spionagehörspiele.

https://odysee.com/@radiodrama:e/package-from-berlin-by-simon-masters:2?src=embed

 

«Es war der Hund, der starb»:


https://www.srf.ch/audio/krimi/es-war-der-hund-der-starb-von-tom-stoppard-gespraech?id=AUDI20251016_NR_0091



«Hinter der Mauer»:


https://www.srf.ch/audio/krimi/1-3-hinter-der-mauer-von-val-gielgud-was-nun?id=d65a02bc-4068-4959-9a3e-41f77ae5876f

 

Fazit 

Kein beschaulicher England-Crime, sondern ein anspruchsvolles Hörstück durchaus in der Tradition der großen Autoren.

Wertung            75 %

Dauer                 67 Minuten

Verfügbarkeit    SRF Krimipodcast

 

 

 

 

 

Übertherapie- Tango, Hölderlin und ein Mordfall

  © ARD / Jürgen Frey Seit 2019 lässt der RBB den verlässlichen Autor Tom Peuckert mit seinen Protagonisten Christian Wonder und Ariane Krus...