Sonntag, 29. März 2026

Die Frau mit den vier Armen - „Ein Niedersachsen-Noir mit Unterhaltungswert"

 

Buchcover



Im Februar 2026 veröffentlicht der Deutschlandfunk einen Noir-Krimi, der auf dem gleichnamigen Buch des Autors Jakob Nolte beruht. Das Staatstheater Hannover hat im Herbst 2025 eine Schauspielinszenierung des Stoffes realisiert. Nolte hat bisher nicht eben viele Hörspiele geschrieben, wagt sich aber mutig an die Bearbeitung und Regie. Auf jeden Fall ist es schön zu lesen, dass der Sender immer noch mutig neue Pfade beschreitet. Die eigens komponierte Musik kann man übrigens auf den gängigen Streaming-Diensten nachhören. 


Der Inhalt

Die junge Kommissarin Rita Aitzinger findet am frühen Morgen nach Abschluß ihrer Achtsamkeitsübungen eine Leiche im Park. Ein junger Mann, stranguliert. Nicht die erste Leiche eines jungen Mannes, die sie findet. Der Mord an einem jungen Nachbarn, nagt noch an ihr, weil man den Fall ungeklärt zu den Akten legen musste. Das darf ihr nicht noch einmal passieren und sie etabliert eine aufwändige Soko. Die Toten verbindet etwas: Die Inszenierung der Leiche, das gleiche Tattoo an den Unterarmen. Trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe gibt es aber noch etwas: Sie waren offenbar einsame, junge Männer, die über Dating-Apps Kontakt suchten. Hunderte Polizisten klappern tausende Frauen ab, die in Dating-Apps aktiv sind. Und tatsächlich bringt ein junger Polizist, der sich dabei verliebt, die Soko auf eine erste Spur. Den dritten Mord können sie aber nicht mehr verhindern.

Die Hörspiele

Die Handlung spielt in Hannover und unmittelbarer Umgebung. Ohne Dialekt und nicht im Sinne eine Cozy-Regionalkrimis. Eher unter dem Gedanken, dass wir in einer globalen Welt leben, aber unser Handeln immer lokal stattfindet. Der Zeitablauf ist nicht immer klar, weil nur die wichtigsten Szenen entlang der aufwändigen Ermittlungen gespielt werden. Viele arg kluge, schön zu hörende Dialoge, innere Monologe von Rita und eine Erzählerin führen durch die Szenerie. Gelegentlich ist das alles etwas ausufernd. Rita ist keine Sympathie-Trägerin, sondern nervig, anstrengend und willensstark. Sie ist die Frau mit den vier Armen, weil sie zwei Pelzmäntel ihrer beiden Großmütter zusammengenäht hat und bildlich damit mehr ist als sie allein. Die teils gruselige Handlung ist auch für Zartbesaitete gut zu verfolgen. Es lohnt sich, auf jedes Wort zu achten, weil der Autor wunderschöne Sätze schreiben kann, die von den Sprechern glaubwürdig umgesetzt werden: „Die Theorie hat was gemeinsam mit Avocado: verdammt weit hergeholt“. Der Autor neigt allerdings dazu, seine Belesenheit stark in den Vordergrund zu rücken, ohne dass dies zur Handlung beiträgt. Die unterschiedlichen Szenen garantieren unentwegte Unterhaltung und Hörfreude. Stark unterstützt von vorsichtig instrumentierter Musik, die immer neue, passende Töne für den Moment findet.  Der Tonregie ist es gelungen, die Atmo extrem differenziert einzusetzen. Letztlich ist der Plot wenig überzeugend, dem Autor geht es offenbar auch nicht um einen Krimi. Er malt ein Bild junger Menschen, die einsam sind und keinen Sinn im Weiterleben sehen. Gedanken, die bisher alten Menschen vorbehalten waren. Der Autor nennt es an einer Stelle: Die Kartografie der Befindlichkeiten. Eine Thematik, die ja auch gerade in der Serie der ARD „Die Blender“ im Mittelpunkt steht. 


Fazit

Trotz abstruser Handlung und weltkluger Dialoge ein unterhaltsames Hörspiel für alle Altersgruppen mit Krimi-Touch und Gruseln im Kopf. 

Verfügbarkeit

Bei Amazon Music

https://music.amazon.de/albums/B0G26C3V8X

 

oder bei allen gängigen Streaming-Dienste 

 


 

 

Sonntag, 22. März 2026

Nahörma Holmes Klassiker - Ein überflüssiger Versuch






NaHörma ist ein eher unbekannter Produzent, der bereits eine Reihe von Lesungen und Hörbücher aus dem Kosmos Sherlock Holmes veröffentlicht hat wie die Serien „Der alte Sherlock Holmes“ oder „Seine weltberühmten Fälle“, allesamt Pastiche-Interpretationen. Seit Anfang 2026 folgt nun ein Rundumschlag mit echten Hörspielen, die auf den Originalen beruhen. In kurzer Zeit (bis März 26) sind bereits sechs Hörspiele veröffentlicht worden. Sie folgen den originalen Publikationsdaten der Doyle-Stories. Autor ist dabei jeweils Charles Fraser, der auch die meisten Pastiche geschrieben hat.

Die ersten drei Hörspiele

Folge 1 Skandalgeschichte im Fürstentum O...

Dies ist die erste Holmes-Geschichte. Sie erschien 1891 im Strands unter dem Namen „Scandal in Bohemia“. Dies ist der Titel der ersten deutsche Übersetzung. Hier erscheint auch Irene Adler, die erste Frau, die ihn je überlistet hat und daher künftig nur noch „Die Frau“ heißt.

Folge 2 Der Bund der Rothaarigen

The Red-Headed League oder The Adventure of the Red-headed League ist eine Sherlock-Holmes-Kurzgeschichte von Sir Arthur Conan Doyle, die erstmals im August 1891 im Strand Magazine erschien und von Sidney Paget illustriert wurde. Sie ist eine der Klassiker-Erzählungen.

Folge 3 Ein Fall geschickter Täuschung

Ein Fall geschickter Täuschung (A Case of Identity) erschien erstmals im September 1891 im Strand Magazine und wurde im Jahr darauf mit 11 anderen Fällen in Die Abenteuer des Sherlock Holmes veröffentlicht.

Die Hörspiele

Nutzer der Streaming-Dienste werden sich wohl auf solche Produktionen einstellen müssen. Seit für Hörbücher ein zusätzlicher Account zu zahlen ist, gibt es mehr Hörspiele, die eigentlich inszenierte Lesungen sind und damit z.B. bei Spotify weiterhin zu den Hörspielen gehören. Dies nutzt auch NaHörMa aus.  Verschiedene Sprecher lesen die Textvorlage in den wechselnden Rollen, es gibt keine Musik und keinen Sound. Leider haben die Sprecher auch eher das Niveau der B-Liga. Die bisher erschienenen Folgen haben eine Spielzeit bis zu einer Stunde. Der abo-lose Hörer hat die Möglichkeit bei Legimi mal hineinzulauschen.

Fazit

Nur etwas für Sammler oder Zufallsgäste. Da gibt es im Kosmos deutlich besseres für wenig oder gar kein Geld.

Wertung    60 %

Verfügbarkeit

In den gängigen Streaming-Diensten

https://music.amazon.de/tracks/B0GJCJFXZN?referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

 

 





Sonntag, 15. März 2026

Tödliche Baustelle - Der hessische Radio-Tatort

© ARD / Jürgen Frey

 


Hochkarätiger kommen nur wenige Radio-Tatorte daher: Regiegenie Leonhard Koppelmann, renommierter Autor Martin Mosebach und dann noch Sprecher wie Felix von Manteuffel und Ole Lagerpusch. Mit der neunten Episode des Frankfurter Teams startet der HR ins Jahr 2026. Und das Team sind nicht nur die beiden Kommissare sondern auch hessischen Urgesteine im Büro: Fr. Teschenmacher und Fr. Felsenstein.


Inhalt


Der Bauunternehmer Lummelmann wird tot am Fuße eines Aufzugsschacht aufgefunden. Es war seine Baustelle und eigentlich stand der sechstöckige Bau seit einigen Wochen still. Und das war das Problem. Das Großunternehmen Investo war sang-und klanglos und geldlos Pleite gegangen. Was wollte er dort? War er versehentlich heruntergefallen? Oder geschubst? Es gibt reichlich Spuren im Schnee, die nicht weiterhelfen. Wo fängt man da an zu suchen? Doch Hilfe kommt von unerwarteter Seite: Die Felsensteine ist seit ihrer Kindheit mit der Frau des Toten befreundet und so ergeben sich ganz neue Information. Lummelmann stand selber vor der Pleite, seine Bank hatte die Daumenschrauben angezogen. Sein gute Freund und Subunternehmer Eimer drohte Lummelmann heftig, weil der ihn in diese Misere hineingezogen hat. Wieso ist plötzlich der Sohn aus erster Ehe der Frau verschwunden?

Wieso hat Lummelmann kurz vor seinem Tod noch den einen türkisch-stämmigen Kollegen angerufen? Viele Frage, aber keine Antwort. Vielleicht gibt der Tresor Auskunft, der überraschend im Wohnhaus der Lummelmanns entdeckt wird.

 

Das Hörspiel

 

Das Setting mit den beiden Kommissaren und den Damen im Büro verschiebt sich etwas, weil Felsenstein viele unbekannte Details einbringen kann. Im übrigen tun alle vier ihren soliden Dienst in der Großstand Frankfurt mit reichlich Immobilienhaien und Menschen, die immer noch Dialekt sprechen. Felsenstein ist die Erzählerin, die die Story in Rück-und Einblendungen berichtet. Dies erfordert hohe Konzentration, lohnt aber. Das Tempo ist angemessen und mit attraktiver Szenerie: Baustelle, edles Wohnhaus, Flughafen, Büro. Die Musik spielt eine bedeutende Rolle, Songs bestärken den gehörten Inhalt (16 tons), gehen gelegentlich in den Text über und deuten Ruhe oder Spannung an. Allein auch schon hörenswert. Der Stammhörer wird wissen, dass es weniger auf den Plot ankommt, sondern auf den Weg dahin. Der gewiefte Autor Mosebach erzählt aber auch Familiendramen und von der Hilflosigkeit eines kleinen Bauunternehmers gegenüber den Konzernen. Und ein klein wenig schummeln wir doch alle.

 

Fazit 

 

Die Inszenierung ist mutiger und schwieriger zu hören, aber es lohnt sich, weil eine Weiterentwicklung stattfand, die Sprecher und die Regie bestens agieren und es einfach ein Hörvergnügen ist.

 

Wertung 85 % 

 

 

Dauer ca. 53 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek

Samstag, 7. März 2026

Der Hakenmann – Der SWR Radio-Tatort 208


© ARD / Jürgen Frey


Die routinierte Autorin Monika Geier legt im Februar 2026 ihren 4. Krimi mit dem Landauer Team um Anima King vor. Anima hatte zuletzt Abwanderungsgelüsten angedeutet. Neugier ist also angesagt.


Inhalt


Für Anima King beginnt der Tag mit einer Enttäuschung. Der Vorstellungstermin in Ludwigshaben beim Team von Fe Ekelberger wird kurzfristig abgesagt. Man werfe ihr Fehlverhalten im Umgang mit Daten vor. Also auf zusammen mit Pirosi in Landau ermitteln: Dort wurde das Trinkwasser gefährlich verunreinigt. Der Brauereibesitzer Alfons Maaß ist erster Verdächtiger. Auf ihrem Gelände steht der alte, anheimelnde Wasserturm und dort laufen alle Leitungen zusammen. Maaß steht unter Druck, die Geschäfte gehen zurück und er denkt daran, an den Großkonzern Multifood zu verkaufen. Seine Tochter ist auf der Gegenseite aktiv: Sie unterstützt die Umweltaktivisten HW100, die sich gegen diesen Verkauf wehren und Wasser  nicht privatisieren wollen. Ganz harmlos waren ihre Aktivitäten bisher nicht, daher ist HW100 ins Visier des Verfassungsschutzes geraten. Auch der rechten Szene mit der Influencerin Franka Raischel ist diese Truppe ein Dorn im Auge. Mittendrin der Bürgermeister Kristian Lindefeldt, der auch persönlich von einem Verkauf profitieren könnte. Und dann gibt es noch den Hakenmann: Seit sein Bruder vor vielen Jahren als Kind ertrunken ist, führt er ein Leben ohne Halt und Heimat. Da unerbittlich angelt, hat er von den Kindern den Namen eines Schauermärchens erhalten. Aber statt Fahndungserfolge zu melden, spitzt sich die Situation zu.

 

Das Hörspiel

 

Monika Geier ist zweifellos eine routinierte Hörspielautorin. Der Hörer folgt den Hauptfiguren, die ein wenig Privates offenbaren, aber nicht zu viel. Die Figuren sind glaubwürdige Charaktere, die in die Landschaft passen. Norddeutsche Hörer müssen sich schon ein wenig in den Pfälzer Dialekt hineinhören. Viele kurze Spielszenen reihen sich aneinander und der Hörer folgt stets neugierig, ohne je zu ahnen, was nun kommt. Verdächtige gibt es zuhauf. Wir begleiten die Ermittler in eine Brauerei, einen etwas gruseligen Wasserturm oder beim Paddeln in den Altarmen des Rheins. Die reichhaltige, begleitende Musik ist auf Dauer allerdings eher ein Stimmungstöter. Auch das Ambi meint es gelegentlich zu gut: Ein Käuzchen am Rhein, na ja. Aber es gibt auch beeindruckende Mitschnitte der Influencerin.Die Autorin greift gesellschaftlich relevante Themen auf: Verdrängung kleiner Unternehmen durch Konzerne, Verschleudern von Wasserrechten, linke Aktivisten und rechte Influencer, vereinsamte Menschen. Etwas viel für ein knappe Stunde. Weitere Wermutstropfen: Vieles ist extrem weit hergeholt und wenig glaubwürdig. Da wäre weniger mehr gewesen.

 

Fazit

 

Trotz Kritik ein guter, hörenswerter Tatort mit viel Lokalkolorit und wohlwollendem Blick auf die Menschen der Region,

 

Dauer ca. 55 Minuten

 

Verfügbarkeit  

 

ARD Audiothek

  

Sonntag, 1. März 2026

Die Ersten von Morgen – Ein politischer True-Crime

 

Wikipedia: 1960-Jahre


Der WDR ist immer für Überraschungen gut. Die wenig bekannte Autorin Traude Bünger hat ein originales Krimihörspiel geschrieben, das in den 1960-er Jahren spielt und sich an einem realen Fall orientiert. Allein diese Informationen machen neugierig.


Inhalt


West-Deutschland in den 1960-er Jahren. Ein Land, dem es wirtschaftlich gut geht und das in der Zeit vor der Studentenbewegung noch miefig und piefig ist. Hier im Kölner Ruhrpott möchte die junge Journalisten Hilde Eckert mit neuen Themen und viel Engagement Fuß fassen. Die ältlichen Herren Redakteure lächeln milde und setzen sie auf Hausfrauenthemen an. Doch es kommt anders. Ihr guter Bekannter Ludwig zeigt ihr ein mit Nazi-Symbolen beschmiertes Denkmal, das er reinigen soll. Als Schupo!? Getrieben von ihrer journalistischen Spürnase begeben sich beide in eine stadtbekannte Nazi-Kneipe. Dort bandelt Hilde mit Manfred Köhler an und folgt den Gesprächen einer rechten Burschenschaft. Worte wie „Frankfurt, Sprengstoff“ schnappt sie auf. An polizeiliche Ermittlungen ist nicht zu denken. Der Staatsanwalt lässt seinen Sohn nicht hängen, der mitten in der brauen Soße agiert. Ihre Tante, eine ehemalige Edelweiß-Piratin erinnert sie daran, dass in Frankfurt gerade der couragierte Staatsanwalt Bauer die Nazi-Schergen vor Gericht zerrt. Aber Hilde kennt keine Angst.

 

Das Hörspiel

 

Das Setting ist ungewöhnlich: Nicht Gegenwart und nicht 30-Jahre, sondern die kaum präsente Epoche der 1960-er Jahre. Die Älteren kennen die Zeit noch, die Jüngeren haben mit Glück etwas von den Eltern erfahren. Die Regie versetzt den Hörer mit aller Kunst genau in diese Zeit. Der Köllsche Dialekt, die aus der Zeit gefallenen Wörter (wie etwa „bedröppelt“), das eher ruhige Tempo. Alles von den eher unbekannten Sprechern glaubwürdig gesprochen. Im Mittelpunkt stehen die umtriebige Journalistin Hilde und der zwischen Loyalität und Gewissen hin-und hergetriebene Schutzpolizist Ludwig. Alle anderen sind Begleitmusik. A propos Musik: Sie ist hier tragendes Element und kongenial ausgewählt bzw. komponiert. Auch die Soundkulisse ist gelungen, leicht nostalgisch, aber nie überdreht. Kein Thriller, aber nach 40 Minuten kommt Spannung auf. Das Hörspiel erinnert daran, das die junge Bundesrepublik jahrzehntelang rechten Ballast nicht nur mitschleppte, sondern unterstützte. Darüber nachzudenken, wie es heute ist, dazu kann dies Hörspiel anregen.

 

Fazit

 

Ein etwas ungewöhnlicher, ruhiger Politkrimi. Kein Straßenfeger, aber mit Genuß und Gewinn zu hören.

 

Dauer ca. 62 Minuten

 

Verfügbarkeit  

 

ARD Audiothek

 

„Eine True-Crime Hörspielreihe“- Kein Podcast

  T rue Crime sind Stoffe, die auf realen Fällen (gelöst oder ungelöst) der Vergangenheit beruhen. Kriminalfälle waren in den letzten Jahren...