Sonntag, 23. November 2025

Timothy Truckle – Die dritte Staffel

 



SciFi bleibt ein bei den Hörern beliebtes Genre, da kommt es gerade recht, dass nun eine 3. Staffel der Werke des Autors Prokop erscheint. Prokops kurze Geschichten, geschrieben ab 1983 in der DDR werden üblicherweise als Dystopie bezeichnet, also eine Utopie mit düsterem Ausgang. Tatsächlich glaubt man sich streckenweise in der Gegenwart. Mit Grauen dienen aber diese Episoden nicht. Stattdessen überbordende Phantasie, leichte Ironie, politische Anspielungen und vor allem toller Wortwitz. Die drei neuen Episoden folgen den gleichnamigen Kurzgeschichten, die erstmals 1983 in der DDR in dem Sammelband „Samenbankraub“ erschienen

Im Mittelpunkt der Episoden steht der kleinwüchsige Timothy Truckle (Tiny). Er arbeitet als einzig verbliebener Privatdetektiv in den Vereinigten Staaten von Amerika. Er lebt in Chicago im 827. Stock eines der vielen Hochhäuser. Unterstützt von seinem allwissenden Computer Napoleon. Tiny arbeitet nur für die Schönen und Reichen und die ganz schön Reichen.



Teufelspuzzle – Episode 8


Huck Peabody kommt auf eine Stippvisite zu Timothy. Auf dem Weg dorthin wird er mehrmals bestohlen und soll dann noch entführt werden. Ein Fall für Timothy. Doch auch andere interessieren sich für Huck, der Geheimdienst, die NSA. Letztlich geht es um das brandaktuelle Thema Identitätsdiebstahl.


Der Laurin oder der Umzug der Engel – Episode 9

 

Truckle erhält einen Auftrag aus der High-Society. Die dreißigjährige attraktive Großmutter, Chefin von General Motors, erteilt ihm den Auftrag Henri Ford VI zu suchen. Den Echten, denn sie hat den Verdacht, dass der längst tot ist und durch einen Klon ersetzt wurde. Tot wäre er ihr lieber. Dazu muss Truckle ins Gelände des Ford Konzerns. Dazu braucht er den Mantel des Laurin, der ihn unsichtbar macht. Bei der Befreiung von Hunderten von Kindern, die im Untergrund leben, testet er den Prototyp. Das Überleben in Parallel-Welten ist hier Thema. 

 

Die Spur der Mutanten – Episode 10

 

Mühsam erholt sich Truckle vom Tod seiner Freundin Anna. Da verschwindet der erfolgreiche Künstler und gute Freund Daniel Schopenhauer. Und dann taucht auch noch die ehrgeizige Polizeipräsidentin von Chicago mit einem Auftrag auf: Ein Hubschrauber wurde abgeschossen. Am Bord wurden mehrere Einjährige entdeckt, deren Körper Mutationen aufwiesen. Truckle kümmert sich um beide Fälle und der Hörer taucht tief in ethische Erörterungen. Körperteile werden geklont und gezüchtet, der übermächtige Staat und korrupte Großkonzerne entscheiden. Und am Ende taucht Timothy Truckle in eine ganz andere neue Welt.

 

  

 

Die Inszenierung

 

Die Staffel folgt in allem den ersten beiden Produktionen. Erstklassige Sprecher. Matschke kann deutlich mehr als im Fernsehen zu zeigen ist. In Valery Tschepanowa als Anna kann sich der Hörer genauso wie Truckle verlieben. Die brilllante Umsetzung, Konzentration auf den Text, klanglich leicht zukunftserheischend, aber immer zum Stoff passend. Mit Musik von Jazz, über easy listening bis hin zu Zukunftsklängen Ein Erzähler führt durch die Story, die eher ruhig abläuft. Alles so inszeniert, dass der Hörer immer auch etwas über die Gegenwart erfährt und nachdenkt. Die Laurin-Episode ist die schönste und die schaurigste. In ihr wird eine zärtliche Liebesgeschichte erzählt und zugleich ein unerträgliches Abschlachten geschildert.

 

Fazit

 

Nur Krimi, weil Truckle Privatdetektiv ist. Kein Science-Fiction im Sinne des aktuellen Mainstreams, aber beste Unterhaltung, die den Hörer frösteln lässt, wie wenig davon noch Utopie ist.

 

Wertung 90 %

 

Dauer ca. 50 Min. je Episode

 

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek

 

 

 

 


Sonntag, 16. November 2025

Wer Hunde weckt – Ein Politthriller


Buchcover




Nach langer Zeit gibt es mal wieder einen politischen Krimi beim Deutschlandfunk Kultur. Er beruht auf dem gleichnamigen Roman des Münchner Journalisten Achim Zorn. Buch (466 S.) und Hörbuch sind bereits 2017 erschienen und waren mäßig erfolgreich. Neben dem politischen Inhalt ist es auch ein Schmachtfetzen. Da wird man doch neugierig, was der DLK daraus macht.



Inhalt


Kundus 2009. Die deutschen Truppen haben gerade einen Angriff auf zwei Tanklastwagen veranlasst und dabei mehr als hundert tote Afghanen in Kauf genommen. Darunter viele Kinder. Ein journalistisches Ereignis höchstens Ranges. Und die DAZ kann nicht berichten. Denn ihr Starreporter David Jakubowicz liegt im Krankenhaus in Hongkong. Er hatte ein Hintergrundgespräch mit einer CIA-Agentin und wurde bei einem Attentat auf diese verletzt. Dennoch macht er sich auf die Suche nach Jakob Westphal. Der hatte den Befehlt erteilt und befindet sich auf der Flucht. Aber  David ermittelt eigenständig und treibt Westphal in München auf. Und gerät dabei in die Machenschaften mächtiger Gegner und Freunde: Die Zeitung, die wirtschaftlich kämpft, verschiedene Ministerien und Behörden. Da geht Beseitigung von Problemen vor Klärung. Dennoch wagt er die Reise nach Afghanistan, um sich selber ein Bild zu machen. Ein Tanz auf der Rasierklinge.

 

Das Hörspiel

 

Weder Buch noch Hörspiel erheben einen dokumentarischen Anspruch. Aber der Angriff auf die Tanklastwagen ist reale Hintergrund dieses Politthrillers. Auch das Hörspiel selbst ist ein Angriff: Ein Lauschangriff erster Güte. Geräusche im Vordergrund, Nebengeräusche, elektronische Verzerrungen und Einspielungen, Stimmen und Sprachen, mal laut und dann wieder leise und zurückhaltend. Der Text ist journalistisch leger und ohne Finessen. Die Musik passt sich bestens den Spielorten und den Ereignissen an, ohne sich vorzudrängeln. Wer die Augen schließt, sieht die Geschehnisse wie im Kino. Ob der gespielten Wirklichkeit ist das manchmal kaum auszuhalten. Das Zuhören erfordert Konzentration. Es ist eine ständige Mixtur aus Vor-und Rückblenden, Ortswechseln, Ich-Erzählern, neutralen Erzählern und damit ein ständiger Perspektivwechsel, der dem Hörer einen journalistischen Überblick ermöglicht. Inhaltlich werden viele Themen angerissen: Journalismus im ständigen Gegensatz von Wirtschaftlichkeit und Anspruch, der Staat als Aufklärer und Vertuscher, die Menschen in Deutschland und anderswo zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Begleitet von kleinen und großen persönlichen und familiären Dramen. Alles zügig in eher kleinen Szenen gespielt und mit passenden Stimmen besetzt. Viele Schwächen der Vorlage werden sanft ausgebügelt, aber nicht alle. David ist etwas viel ein Lonesome-Cowboy, etliche Ideen überzeugen nicht, sehr schnell erkennt der Hörer die Guten und die Bösen, was der Spannung etwas nimmt. Und etwas viel Herz und Schmerz.

 

Fazit 

 

Viel besser wird man eine solche Vorlage kaum inszenieren können. Spannend bis zum Schluß, mit hochpolitischem Hintergrund. Was in der Gegenwart viel zu selten zu hören ist. 

 

Wertung 85 % 

 

 

Dauer zwei Teile zu je ca. 54 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek

Samstag, 8. November 2025

Todesfrist – Thriller Autor Andreas Gruber nun auch im Hörspiel

 




 

Todesfrist war 2012 der erste Thriller des österreichischen Autors Andreas Gruber. Der überragende Erfolg führte zu mehreren Reihen, die bis heute in jeder Buchhandlung ausliegen. Auf das umfangreiche Buch (Goldmann) mit mehr als 400 Seiten und inzwischen in der 34. Auflage erschienen, folgte dann 2016 ein Hörbuch mit dem Sprecher Achim Buchmann, der fast 21 Stunden liest. Im Jahr 2016 hat SAT1emotions dann eine dreteilige Serie gesendet, die alljährlich wiederholt wird. Seit 2016 hat sich der Hörbuchmarkt erheblich verändert und ist schwieriger geworden. Die CD-Fassungen sind weniger nachgefragt, der Großteil wird über die Streaming-Dienste gehört, was für die Verlage wirtschaftlich weniger attraktiv ist. Der Hörverlag (alles Bertelsmann Konzern) veröffentlicht nun im Oktober 2025 eine echte Hörspielfassung mit fast 9 Stunden Laufzeit. Als Sprecher fungiert der als Vorleser bereits vertraute Achim Buchmann (Ein Schelm, der Böses dabei denkt) und vielen weiteren namhaften Sprechern.

 

 

Inhalt 

 

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen. Er quält seine Opfer unsäglich, gibt aber den nächsten Vertrauten eine Chance: Er ruft sie an und lässt die Opfer frei, wenn die Vertrauten innerhalb von 48 Stunden herausbekommen, warum er die Opfer entführt und quält. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht die Münchner Kommissarin Sabine Nemetz, deren Mutter in München entführt und getötet wurde, weil der Vater das Rätsel nicht lösen konnte. Das BKA schickt zur Unterstützung den schwierigen Charakter, aber brillanten Profiler Maarten S. Sneijder. Beiden fällt schnell auf, dass alle Mordfälle einen Bezug zu den Geschichten aus dem Struwwelpeter enthalten. Näheres findet sich in zahlreichen Rezensionen im Netz.

 

Das Hörspiel

 

Die Inhaltsangabe klingt etwas gruselig, aber das Hörspiel ist es weniger. Hier gibt es viele gut zu hörende Szenen, die gelegentlich sogar witzig sind und immer sehr gut unterschiedliche Stimmungen und Situationen erfassen.

Auch wenn es eine lange Laufzeit hat: Es ist ein echtes Hörspiel mit verschiedenen Sprechern und Geräuschen sowie eher sparsamer Musik. Die Textvorlage wurde nur wenig gekürzt und überarbeitet. Die Einteilung in Hörabschnitte bleibt also dem Hörer überlassen. Dies ist nicht immer ganz einfach, weil es auch viele Rückblenden gibt. Zudem scheinen die kurzen Tracktitel fehlerhaft.

Die Sprecher sind durch die Bank erstklassig. Achim Buchmann ist ein begnadeter Erzähler und Johannes Klausner findet für den aus den Niederlanden stammenden Snejder einen Akzent, der nicht nervt. Luise Finckh als Sabine Nemetz ist hörbar das echte Leben dieser jungen Leute. Überhaupt sind alle Stimmen eigentlich ohne irgendwelche Schwächen. Klugerweise hat die Dramaturgie auf opulente Musik verzichtet. Geräusche und Musik sind sparsam, aber stimmig eingesetzt. Die Konzentration bleibt bei der Story. Der Großteil wird vom Erzähler gesprochen und in den vielen Beschreibungen erkennt der Hörer, dass der Autor schon eine Verfilmung im Sinne hatte. Hier hätte eine Kürzung und Übertragung in Dialoge der Spannung gut getan. 

 

 

Fazit

 

Man hört jede Sekunde, dass hier Profis am Werk waren.Obwohl es ein Thriller ist, eher etwas für Hörer, die Ruhe lieben. Mann muss halt seinen individuellen Hör-und Pausenweg finden.

 

Wertung       90 %

 

Dauer ca. 8 Std. 41 Min.

 

Verfügbarkeit

 

Der Hörverlag

Sonntag, 2. November 2025

Im Abseits – Ani wieder beim SWR

© ARD / Jürgen Frey


Der Münchner Ani widmet sich im neuen Landauer Tatort erneut der Provinz. Aber keine Sorge, der wunderbare Pfälzer Singsang spielt auch hier eine tragende Rolle. Es ermitteln wie gewohnt die Oberkommissare Anima King und Claudius Piroso(Piro), eher unterstützt als behindert von den Chefs aus Ludwigshafen Fe Ekkelsberg und Ludwig Dillinger.

Inhalt


Die Physiotherapeutin Sylvia Graff wird von der 13-jährigen Mia morgens gegen 07.00 Uhr erstochen in ihrer Gartenhütte aufgefunden. Mia kennt sie gut, denn sie ist die Therapeutin ihres Fußballteams und sie hatte einen Termin bei ihr. Ludwigshafen und Landau ermitteln bei dieser schweren Gewalttat gemeinsam. Doch der Knoten will sich nicht recht lösen. Der Hauptverdächtige ist Graffs Partner Thorsten Jahnke, der Trainer dieser Mädchenmannschaft. Er war schon immer in Verdacht, den Mädchen mehr als nahe zu kommen und hatte offenbar Streit mit seiner Partnerin. Hat zudem ein falsches Alibi vorgelegt. Handydaten beweisen, dass er am Abend vor der Tat bei seiner Partnerin war, allerdings offenbar nicht zur Tatzeit. Also: Beweise suchen, immer wieder Zeugin befragen, insbesondere die jungen Fußballerinnen Mia und ihre Freundin Emma. Überraschend taucht ein zweiter Verdächtiger auf: Der junge Niklas Bohm hatte Sylvia Geld gestohlen und wohl auch eine Auseinandersetzung mit ihr. Von handfesten Beweisen sind beide Teams weit entfernt als sich eine unerwartete Wendung abzeichnet.

 

Das Hörspiel

 

Vorab: Es ist kein Hörspiel über Gewalt gegen Mädchen. Zu dem Thema bleibt alles im Unklaren. Was wohl dem Alltag entspricht. Dem möglichen Täter kann nichts dingfest nachgewiesen werden. Die jungen Frauen halten sich aus Scham oder Angst mit klaren Ansagen zurück. Wie im Fußballspiel wollen sie nicht im Abseits stehen und es sich mit niemand verderben. Wie immer bei Ani gibt es kein simples Schwarz und Weiß, sondern Menschen, die mal lügen und mal die Wahrheit sagen. Der klassische Ermittlerkrimi mäandert sich durch die Befragungen ohne Thriller-Charakter, aber mit viel Offenheit und damit Spannung. Jeder Mensch hat seinen eigenen Charakter und seinen eigenen Ton. Insbesondere den Jugendlichen gelingt es, ihr Hin-und Hergerissensein auszudrücken. Leider ist das Geräuschdesign eher schlicht. Im Garten summen die Wespen, weil die Vereinself Wespen genannt wird. Beim Verdächtigen ticken die Uhren, weil er Uhrmacher ist. Alles mit tiefen Tönen unterlegt. Ansonsten routiniert und professionell mit kurzen irritierenden Rückblenden inszeniert. Ani gelingt ein beneidenswerter Plot. Der Mord wird gelöst und parallel dazu gibt es ein Happy-End. So ein Kunststück gelingt nur wenigen Autoren. Das Ende deutet allerdings auch an, dass der geneigte Hörer künftig möglicherweise die oft hin-und hergerissene Amina nicht mehr erleben kann.

 

Fazit 

 

Ein aktuelles Thema attraktiv und professionell inszeniert. Pfälzer Charme und Eigenwilligkeit sowie solide Polizeiarbeit werden zu einem gelungenen Hörspiel verstrickt. Wie heißt es so schön in der Ankündigung der Audiothek: Ein kriminell guter Fall.

 

Wertung 80 % 

 

 

Dauer ca. 55 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek

Radio Activity – Ein Radiosender als Hacker

  Buchcover Der WDR war lange Zeit leuchtendes Vorbild für gute Kriminalhörspiele, wurde aber ein wenig Opfer der Zentralisierung durch die ...