In dieser HR-Produktion vom Sommer 2025 beweist die österreichische Autorin erneut ihre Vielseitigkeit. Nach dem erfrischend locker-flockigen Mallorca-Krimi legt sie nun eine bitterböse Geschichte um zwei Schwestern vor. Gemeinsam ist beiden Stücken die wichtige Rolle von Familie. Die Audiothek ist tüchtig bemüht, ihr Podcast-Angebot zu erhöhen und bietet dieses Stück von gut 85 Minuten als Mini-Serie in 8 Folgen zwischen 10 und 15 Minuten an. Da reichen dann als Inhaltsbeschreibung einer 15-minütigen Episode 4 Wörter. Spoilern muss ja vermieden werden.
Der Inhalt
Die schwangere Louisa liegt schwerverletzt im Krankenhaus. Allein im Haus ist sie die Treppe in diesem alten Gebäude hinuntergestürzt. Nach einer aufwändigen OP befindet sie sich noch im Koma. Ihre Schwester Ida ist die Erste, die sie besucht. Ärztin und der Pfleger Darian beruhigen Ida. Alles gut, die Genesung braucht einfach etwas Zeit. Ida hat ihre Schwester gerettet, obwohl sie nicht dabei. Aber sie hatte ein komisches Gefühl und hat nachsehen lassen. Nur so konnte Louisa gerettet werden. Aber Ida verhält sich seltsam: Sie kapert das Handy von Louisa, löscht Daten und wiegelt Kai ab. Kai ist der Geschäftspartner von Henrik, dem werdenden Vater und Lebenspartner von Louisa. Der ist nämlich verschwunden, ausgerechnet jetzt, wo sie kurz vor einem Riesenauftrag stehen. „Nichts ist wie es scheint“ so heißt es in der Werbung. Tatsächlich ändert sich die vermeintliche Wahrheit ständig. Am Ende übernimmt jedenfalls die Kripo.
Das Hörspiel
Das Hörspiel ist ein psychologisches Kammerspiel. Es gibt nur wenige Beteiligte, kaum Handlung und lediglich das Krankenhaus als Spielort. Ergänzt um einige Rückblenden. Die begleitende Zwischenmusik hält sich zurück. Dafür drängt sich der Shooting-Star Berq mit seinen traurigen Texten immer wieder in die Handlung und setzt den Ton. „Ich wollte mich noch bedanken für den Schmerz“ heißt es in seinem Lied Achilles. Der Text des Hörspiels geht weit über die Frage, was ist Schein, was die Realität hinaus. Es geht um Themen shakespeareschen Ausmaßes: Tod und Leben, Liebe, Neid, Eifersucht, Ehrgeiz und manches mehr. Da muss der Hörer Verständnis haben, dass die Handlung nicht immer glaubwürdig ist. Ein solch komfortables Krankenhaus, in dem der Krankenpfleger zum psychologischen Betreuer wird, bekommen nicht mal Patienten erster Klasse zu sehen. Die Regie (und wohl eben der Co-Autor) hat sich entschieden, den Text in eine Szenerie der wohlhabenden, jungen „Bio-Deutschen, mit Neigung zum Genießen des Schmerzes, zu verlegen. Selten ist der Sprachduktus so glaubwürdig getroffen. Viele Ähs, ach ja, Pausen und dann schnell aneinander gereihte Wörter. Es ist ein Hörgenuss ersten Ranges mit erstklassigen Sprechern, die das Genre Hörspiel verstehen. Das alles wird kurzweilig und spannend erzählt. Der Hörer ahnt bis zum Ende nicht, wie es ausgeht, obwohl die Autorin die eine oder andere Spur legt.
Dem Hörer sei dringend die Langfassung des HR empfohlen. In der Audiothek-Fassung machen die Sprecher in ihren Hörspielrollen am Ende Reklame für irgendwelche Podcasts. Ein No-go.
Fazit
Man kann den hervorragenden Text so interpretieren. Wer sich nicht von der Anbiederung an diese spezielle Szene irritieren lässt, wird jedenfalls einem Hörspiel folgen, dass ein wenig an Patricia Highsmith erinnert.
Wertung 90 %
Dauer ca. 85 Min. zu 8 Episoden oder als Langfassung beim HR
Verfügbarkeit
ARD Audiothek

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