Sonntag, 17. Mai 2026

Der Beifahrer - Ein fies-fröhlicher Crime-Noir

 


Buchcover


Pascal Garnier, der Autor der Buchvorlage, wurde erst nach seinem Tod entdeckt und durch aktuelle deutsch-sprachige Übersetzungen seiner Bücher durch den Schweizer Septime Verlag gewürdigt. Vor etwa einem Jahr hat der DLF Kultur das Hörspiel „Zu nah am Abgrund“ gesendet. Im Mai 2026 hat nun der HR die Federführung mit der Regisseurin Viviane Koppelmann übernommen. Wird auch das neue Hörspiel zwischen Lakonie, Grauen und Augenzwinkern chargieren? Ohne den Druck des Stundenrhythmus  des linearen Radios darf in ARD Sounds ein Hörspiel von wenigen 155 Seiten auch mal 78 Minuten dauern.

Inhalt

Fabien erhält einen Anruf von der Polizei. Seine Frau Sylvie ist bei einem Autounfall in Dijon ums Leben gekommen. Dijon? Sie leben in Paris. Der Mann am Steuer sei übrigens auch tot. Welcher Mann? Sie führten eine respektvolle Ehe ohne Zerwürfnisse, die Zeit der Leidenschaft war aber längst vorbei. Die Nachricht wirft ihn aus der Bahn: „Jetzt bin ich Witwer, ein anderer Mensch: Was soll ich denn jetzt anziehen?“. Fabien wird neugierig. Wer war der Mann, war er verheiratet? Im Leichenschauhaus ist er zwei Frauen begegnet. Ihre Spur nimmt er auf und sein bürgerliches Weltbild gerät erneut ins Wanken. Mathilde ist die Ehefrau des toten Fahrers, Madeleine dessen erste Frau und die beste Freundin von Mathilde. Fabien drängt sich unauffällig in das Leben von Madeleine: Er betritt heimlich ihre Wohnung und hinterlässt offensichtliche Spuren. Er bucht, wie die Beiden, eine Reise nach Mallorca, gleiche Zeit, gleiches Hotel. Und bekommt mehr als Kontakt zu Martine. Dem steht aber die eifersüchtige Madeleine im Wege. Und nun beginnt eine weitere Geschichte mit Hass, Liebe und weiteren Morden.

 

Das Hörspiel

Das Buch ist eine dankbare Vorlage, knappe Sätze, lakonischer Ton, wenig Psychologie und dauernd unerwartete Wendung. Ein Rezensent hat den Stil als „fies-fröhlich“ bezeichnet. Koppelmann nimmt sich genau die richtige Zeit für die vielen Szenen, die beim Hörer allmählich ein Bild der komplexen Persönlichkeiten entstehen lassen. Sie bleibt nahe an der Vorlage und gönnt uns so schöne Sätze wie: „Die Einsamkeit war für ihn nur in Begleitung denkbar.“ Ein Erzähler, der klar aus der Perspektive von Fabien berichtet, begleitet den Hörer durch das Hörspiel. Grausame Taten, eine zarte Liebesgeschichte. Ständig ein Wechselbad. Die intensive Spannung entsteht daraus, dass Garnier immer noch etwas Neues einfällt. Und wenn der Hörer denkt, nun sei´s genug, geschieht noch ein Mord. Und nicht einmal völlig abwegig. Immer zart von einer Musik begleitet, manchmal die Stimmung weiterführend oder sie explodieren lässt. Aber immer Frankreich, also nett anzuhören. Eine solche Szenerie braucht Stimmen, die alle menschlichen Wendungen erklingen lassen. Matthias Leja als Erzähler hält sich zurück, die oft gelobte Lou Strenger ist die kongeniale Besetzung für Mathilde. Der unterschätzte Patrick Güldenberg spricht die schwierige Rolle des Fabien. Der Text ist keine offene Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, aber eine Beschreibung, die den Hörer an den alten Satz: Homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf erinnert. Wieso ist dieses Motiv vor wenigen Wochen auch im Hörspiel „Wolfshunger“ aufgetaucht?

Fazit 

Hier wurde eine brillante Vorlage kongenial in ein kleines Kunstwerk umgesetzt, dass dem Hörer das Blut in den Adern gefrieren lässt. Kann es im Frühjahr 26 schon das Highlight des Jahres geben?

Dauer                 78 Minuten

Wertung             95 %

Verfügbarkeit    ARD Sounds

 

 

 

 

 

 

 

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