Samstag, 30. August 2025

Es gibt kein Entkommen – Ein neuer Zweiteiler von Cara Hunter


Cover der Originalausgabe


Der Deutschlandfunk Kultur überspringt eine Ausgabe der Krimis um DI Fawley und steigt direkt in das dritte Werk ein. Die Autorin Cara Hunter ist mittlerweile beim 5. Band angekommen, also gibt es noch Luft nach oben. Das Buch ist 2021 auf Deutsch erschienen, aber bereits 2019 in England.

Der Inhalt


Das Polizisten DI Adam Fawley und der gerade aufgestiegene DS Chris Gisslingham werden zu einem grauenhaften Tatort beordert. In einem abgebrannten großen Herrenhaus mussten zwei Kinder geborgen werden. Eins tot, eins schwer verletzt. Von den Eltern fehlt jede Spur. Offenbar Brandstiftung. Und nun beginnt die polizeiliche Puzzle-Arbeit: Befragung der Nachbarn und Arbeitskollegen, die Ärztin der Familie, selbstredend auch die Angehörigen, die Schule, Hinheinhorchen in die Vergangenheit der verschwundenen Eltern und aller Beteiligten. Und wie beim Puzzle fügen sich erste Teile zusammen, die aber noch kein Blick auf das Ganze erlauben. Der Hörer folgt den Ermittler und gelegentlich gefriert ihm das Blut in den Adern, ob dessen was Menschen alles zuzutrauen ist. Sollte hier eine ganze Familie ausgelöscht werden? Es entsteht aber auch eine neue Familie.

 

 

Das Hörspiel

 

Die literarische Vorlage ist extrem als Montage vielseitiger Elemente gestaltet. Hier ist der Dramaturgie eine gut zu hörende Adaption gelungen. Das Polizeiteam um DI Fawley wird mit ihren Alltagssorgen und -nöten gezeigt, ohne das sich dies in den Vordergrund drängt. Allerdings bekommt der Hörer auch kein klares Bild von der jeweiligen Persönlichkeit. Die Regie folgt im Wesentlichen den Ermittlungsschritten mit gelegentlichen Rückblicken und eigenen Gedanken, die aber deutlich zu erkennen sind. Immer wieder neue Spuren, neue Erkenntnis und überraschende Personen halten das Hörspiel spannend. Es erfordert schon Konzentration, den immer neuen Einfällen der Autorin zu folgen. Im Mittelpunkt stehen aber immer wieder die Dialoge, die textlich und sprachlich vom Feinsten sind. Den Sprecher gelingt es, dass der Hörer gefühlt mitten im Geschehen sitzt. Geräusche werden nur sparsam eingesetzt, die Musik wabert eher esoterische durch die Szenen. Die Autorin erspart dem Hörer kein Grauen: „In jeder Familie gibt es Abgründe“. Diese familiären Abgründe werden ausführlich seziert, wie es nur Engländer können.

 

Fazit

 

Cara Hunter ist eine Autorin, die Bestseller schreiben will und die Lesergewohnheiten von Massen erfolgreich bedient. Dem Hörspiel ist eine spannende Umsetzung gelungen, die vergessen lässt, das der Plot hoffnungslos kompliziert und überzogen ist. 

 

 

Wertung 75 % 

 

 

Dauer zwei Teile zu je ca. 55 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek


Samstag, 23. August 2025

Der römische Traum – Ein Gaming-tie-in zur „Anno“-Reihe

Bild: © SWR

Seit mehr als 20 Jahren entwickelt die Mainzer Firma Ubisoft Games in der Reihe anno. Es handelt sich dabei um Wirtschaftssimulationen. Der Spieler gestaltet eigene Entwicklungen. Dabei steht jeweils eine Jahreszahl für das Umfeld: 1602, 1503, 1404 oder ähnl. Im November erscheint das Spiel anno 117 Pax Romana, in dem der Spieler sein eigenes Imperium gestalten kann. Der SWR macht nun in einer Art Mittelding zwischen Podcast und Hörspiel kostenlose Reklame für diese komerzielle Games Reihe: in Gaming-tie-in mit 9 Episoden zu jeweils etwa 20 Minuten. Offenbar erhofft man bei den Gamern neue Zielgruppen zu erorbern.

Inhalt


Der Podcast versteht sich als Einführung in das im Herbst 2025 erscheinende Spiel. Die beiden jungen Männer Simeon und Ben/Bell sind bei einem Brand um Hab und Gut gebracht worden. Um ihrem Leben einen Sinn zu geben, lassen sie sich zu Sklaven machen. Sie hoffen, sich bald frei kaufen zu können und dann wieder ein erfolgreiches Leben zu führen.

 

Episode 1

 

Bell und Simeon werden als Sklaven nach Rom verschifft und auf dem Sklavenmarkt wie Vieh an den reichen Dominus Flavius verkauft. Schnell erfahren sie das auch die anderen Sklaven sie wie Dreck behandeln. Bell, der nun Ben genannt wird, kann leserlich schreiben und erhält eine Arbeit als Schreiber. Sim muss die Kloaken reinigen. Aber die hübsche Tochter des Dominus Flavia verliebt sich in ihn. Die beiden versuchen zu fliehen.

 

Das Marketing

 

Für Werbung und Marketing nimmt der Sender viel Geld in die Hand. Der interessierte Hörer erhält dabei auch die Möglichkeit in vielen Audios und Videos making-of-Information zu erhalten. Dabei ist schnell die Zielgruppe zu erkennen: Die Story ist voll cool, die Idee geil und alle Mitwirkenden waren excited und immersiv geflasht. 

Die Spielfiguren sind „abgefahrene Leute“. Es ist die offizielle Vorgeschichte zum Spiel anno 117 und in drei Gruppen je drei zusammenhängende Episoden gegliedert. Besonders wird die epische Musik gelobt, die von den Games-Komponisten stammt, aber vom SWR live eingespielt wurde.

 

Erste Einschätzung

 

Die erste Episode ist voller Herz und Schmerz, nicht weit entfernt vom Groschenroman. Viele Dialoge, ergänzt mit Ich-Erzählungen und Briefen des Ben. Alles zügig gespielt. Die Besetzung ist namhaft, orientiert sich aber mehr an Games als an Hörspielen, alles übernatürlich betont, kaum Intonation und immer lange Vokale. Die Sprache klingt leicht altertümlich, daher passt es nicht, dass Flavia Sim zu einem Absacker einlädt. Wirklich beeindruckend ist die Musik, die sich der Methoden erfolgreicher Filmmusik bedient. Viele laute Streicher, viel Herz und Schmerz. Ob das für ein immersives Erleben reicht, muss jeder Hörer für sich entdecken.

Der Rezensent hat jedenfalls für sich entschieden, dass eine Episode ausreicht. Dem SWR und der ARD muss man Glück wünschen, dass sich die kostenlose Reklame für Ubisoft auszahlt.

 

Dauer 9 Episoden zu je ca. 30 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

Seit 15.08.25 in der ARD Audiothek 


Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles – Poirot tritt auf


 



Im Frühsommer 2025 wartet Audible mit einer zweifachen Überraschung auf. Ein echtes Hörspiel kommt auf den Markt und es orientiert sich am dem 1920 erschienenen Buch „The Mysterious Affair at Styles“ (dt: Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles, 1929).  Die aktuelle Übersetzung von Nina Schindler bei Atlantik umfasst 224 Seiten. Es war Christies erster Kriminalroman mit Poirot. Dies Produktion ist auch deshalb beeindruckend, weil die Rechteverwalter von Agatha Christie (ACL) sehr zurückhalten sind. Bisher gab es von dieser Vorlage keine deutsche Hörspielfassung, im Englischen gibt es eine zweistündige Hörspielversion BBC von 2005. Audible hat die englische Fassung bereits im Herbst 2024 veröffentlicht. Möglicherweise folgen also noch weitere Poirot-Hörspiele

 

 

Inhalt  

 

Styles Court, ein großbürgerliches Anwesen in einem malerischen Ort im ländlichen England. Hier erholt sich Captain Hastings um 1917 von einer seelischen und körperlichen Verletzung als Folge des 1. Weltkrieges. Sein Kindheitsfreund John Cavendish hat ihn nach einem zufälligen Treffen eingeladen. Doch Hastings findet weder die erhoffte Ruhe noch eine ländliche Idylle. John und sein Bruder Lawrence kommen gerade so über die Runden. Die von ihnen geschätzte Stiefmutter Emily Inglethorp hat vor kurzem einen windigen Amerikaner geheiratet und spendet großzügig für alle möglichen Einrichtungen. Da bleibt kein Geld für die Unterstützung der angeheirateten Kinder. Doch Emily stirbt unerwartet nach einer qualvollen Nacht.  Schnell stellt sich heraus: Sie wurde vergiftet. Ein Motiv für die Tat haben Viele: Der gierige Ehemann, die beiden Stiefsöhne, die um ihr Erbe gebracht wurden, die alte Hausfreundin Evie, die junge Apothekerin Cynthia Murdoch. Letztlich ein closed-room-crime also. Gut, daß Hastings, seinen Freund und heimliches Vorbild Hercule Poirot trifft. Wie viele Belgier ist der vor den Wirren des Weltkrieges nach Styles gezogen und lebt dort in einem Cottage der Ermordeten. Literarisch betritt Poirot damit erstmals die Bühne der Welt und wird auch diesen Mord mit seiner Detailbesssenheit und einem messerschaffen Verstand lösen.

 

Das Hörspiel

 

Mit fast vier Stunden Laufzeit erreicht das Hörspiel die Dauer einer Lesung. Aber es ist ein echtes Hörspiel mit Sprechern, Musik, Geräuschen und eigenständiger Dramaturgie. Wobei der Weltkonzern Audible in der deutschen Fassung lediglich neue Sprecher einsetzen muss. Die Textfassung ist vorsichtig modernisiert. Die Sprache passt gut in die Gegenwart und strahlt trotzdem den Old- England Charme aus. Abweichend von  der literarischen Vorlage tritt Hastings hier nicht als Erzähler auf. Anders als in den meisten Hörspielen ist hier die Vorlage nicht gestrafft worden, sondern nimmt sich viel Zeit, die Szenen zu präsentieren. Der aufmerksame Hörer hat also durchaus eine echte Chance, Poirot bei seinen Ermittlungen zu folgen oder eigene Gedanken zu entwickeln. Allerdings leidet die Spannung darunter. Die vielen Dialoge sind sehr feinfühlig und glaubhaft inszeniert. Atmosphärisch kommt das Hörspiel damit ganz nahe an die Stimmung und Personenentableau, das Christie im Roman vermitten möchte. Die ruhige Zwischenmusik und Geräusche in dieser Dolby Atmos Produktion hätte man sich aber deutlich mehr gewünscht.  Die professionellen Sprecher sind erkennbar als Hörmagnet ausgewählt. Dabei glänzen die weniger Prominenten deutlich mehr. Nicht jeder erfolgreiche Fernsehschauspieler ist gleich ein guter Sprecher. Rufus Beck als Poirot verunstaltet den belgischen Detektiv mit seinem überzogenen französischen Akzent zur Parodie. Da hätte er mal in die englischen Erstfassung hören sollen.

 

Fazit

 

Eine etwas lang geratene Umsetzung Christie´s erstem Poirot-Roman. Audible-Hörer sind begeistert, alle anderen brauchen Geduld für diese detailverliebte Inszenierung.

 

Wertung    85 %

 

Dauer ca. 3 Std. 53 Min.

 

Verfügbarkeit

 

Bei Audible Deutsch und Englisch

 

Samstag, 16. August 2025

Skandalon – Ein anstößiges Geschehen in Hamm

 


© ARD / Jürgen Frey


Tatort-Autor Dirk Schmidt ist immer für stimmige Stories aus dem Hammer Mikrokosmos gut und bleibt mit seiner 21. Fortschreibung beim WDR Seriensieger.



Der Inhalt


Auch dem Hammer Team tut die Statistik gut, ihre Erfolgsquote ist um 2,6 % gestiegen. Immerhin, wenn auch krass weniger als bei den Kollegen. Vielleicht macht dieser Erfolg die Hammer Unterwelt unruhig. Latotzke holt seinen BMW früh morgens ab, er war mal wieder nicht angesprungen. Auf der Fahrt zur Wache wird er abgedrängt und sein Fahrzeug beschossen. Scheibe kaputt, Latotzke bleibt heil. Allerdings findet die Kollegin Ditters bei der Betrachtung des Schadens eine Leiche im Kofferraum. Wenigstens konnte er das auffällige Fahrzeug des Schützen erkennen. Es war gold foliert. Nicht eben häufig in Hamm und Umgebung. Der örtliche Kleinkriminelle und Werkstattbesitzer Blaschke gerät als Erster in Verdacht. Er kennt Latotzkes Auto aus dem FF. Sein Alibi im lokalen Freudenhaus ist schwach. Der Tote erweist sich als DER Lentschuk. Er stammt aus dem Düsseldorfer Drogenmilieu und unverzüglich mischt das LKA bei den Ermittlungen mit. Droht hier ein Bandenkrieg`Der Oberstaatsanwalt Haase gibt sich sogar ausgesprochen kooperativ. Latotzke, der eigentlich andere Sorgen und Grund zur Hoffnung hat, führt die Ermittler mit seinem Schrauber-Wissen auf die richtige Spur.

 

 

 

Das Hörspiel

 

Gewohnt gute Produktion. Scholz ist wieder komplett im Team. Allein die Frotzeleien des Teams und der Dauerkonflikt mit dem LKA sind hörenswert. Es menschelt reichlich in diesem eher harten Krimi. Aber Sex sells: Latotzke wird womöglich Papa, das Freudenhaus muss für ein Alibi herhalten und Ditters lässt sich auf ein Abenteuer ein. Überhaupt ist das pralle Leben der Hauptdarsteller. Wo betrinken sich Polizisten noch elendiglich und klauen Aufputschpillen? Der vorangestellte Hinweis auf vorhandene Diskriminierungen ist dagegen eine Lachnummer. Die Musik erinnert immer wieder daran, dass es nun in ruhige Fahrwasser geht. Die etwas komplizierte und wenig überzeugende Geschichte ist schwer zu entwirren. Hier hätte die Regie dem Hörer mehr Hilfen anbieten müssen.

 

Fazit

 

Eher Durschnitt, der von begnadeten Sprechern und einer kultigen Truppe lebt: Das Hammer Team bleibt ein Solitär, dem der treue Zuhörer auch mal Schwächen verzeiht.

 

Wertung 80 % 

 

 

Dauer    ca. 55 Minuten

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek


Sonntag, 10. August 2025

Die Kobra von Kreuzberg – Ein experimentelles Gaunerstück




Beim Deutschlandfunk Kultur gibt es noch Raum für Experimente. Im der risikofreien Sommerpause 2025 wird das dreiteilige Hörstück nach einer Vorlage von Michel Decar (2021) vorgestellt: „Hörspiel mit Female Rap und Beats“. Tatsächlich bietet es eine unterhaltsame Gaunerkomödie.

 

Der Inhalt

 

Die junge Beverly Kazcmarek hat es nicht leicht. Als jüngstes Mitglied einer alten-ehrwürdigen Ganovenfamilie ist sie die Versagerin. Eigentumsdelikte sind das Business dieses Clans. Ihre Brüder klauen Fabergé -Eier aus der Eremitage, Vater und Großvater sind immer noch eine große Nummer. Aber Bev scheitert immer wieder. Sie braucht einen Neuanfang. Und zwar in Berlin. Der Start ist nicht schlecht. Allerdings geht eine der beiden wertvollen Wedgwood-Vasen beim Einbruch ins Potsdamer Marmorpalais kaputt. Dazu ist der nervige Kommissar Ferenz Hothfilter ihr schon auf den Spuren.  Bev entscheidet sich für die Flucht nach vorn. Es muss eine ganz große Nummer werden, die noch nie jemand vor ihr gewagt hat. Operation Q. Das schafft sie nicht allein. Dragan Vidović, der Wetteranarchist ist dafür genau der Richtige. Aber die Beiden müssen noch Maximow einschalten, die Unterweltgröße schlechthin in Berlin. Nicht frei von Risiken. Und tatsächlich taucht auch noch die Profikillerin Thyra von Lauritzen auf

 Der Hörer folgt den Höhen und Tiefen der Planung bis zum überraschenden Shut-Down. 

 

Das Hörspiel  

 

Das Hörspiel ist ein Genre-Mix. Ein wenig Krimi, denn der Hörer möchte wissen, ob dieser Wahnsinnscoup auch klappt. Ein wenig Parodie, weil alle Krimi-Klischees vorkommen: Die verpeilte Polizeihierarchie, ein übler Ganove und ein schräger Kommissar. Ein Roman über Berlin mit seinen Clubs, seinem Untergrund und dem prallen Leben. Ein klein wenig Familiendrama und eine Liebesgeschichte: „Ich möchte mit dir Pferde stehlen“.  Ein Stück weit auch Gesellschaft-und Politik-Kritik Immer witzig, ironisch und einfallsreich. Allerdings wenig Sprachwitz. Die Story wird hauptsächlich von einer Erzählerin präsentiert und Ich-Monologen von Bev. Wenig Dialoge. Überhaupt ist das Tempo trotz der tollen Ideen eher langsam. Naturgemäß sind die Ideen nicht unbedingt realistisch. Die Sprecher treffen die Töne der Typen bestens. Dafür muss auch Shorty Scheunemann ein hartes osteuropäischen R artikulieren. Die Musik ist kein Beiwerk, sondern ein zentraler Teil des Werks. Die Grundstimmung ist wohlwollend, alle Figuren verdienen auch Sympathie. Und Berlin ist mehr als eine Reise wert. Aber letztlich ist es eine Geschichte über eine junge Frau, die keine Looserin ist, sondern selbständig und selbstsicher ihren Weg macht.

 

 

Fazit

 

Eine etwas zähe intellektuelle Spielerei, die wohl junge Menschen erreichen soll. Nett zu hören mit seinen coolen Dialogen, aber unter dem Niveau vergleichbarer Autoren.

 

Wertung 70 %

 

Dauer ca. 90 Min. in drei Teilen

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek

 

Perspektiven - Eine 15-teilige Lesung



Buchcover



Es gibt sie also noch die großen Produktionen innerhalb des ARD-Verbundes. Wenngleich etwas sparsam als inszenierte Lesung. MDR, HR und NDR veröffentlichen im Sommer 2025 diesen historischen Krimi.  Autor ist der französische Geschichtslehrer Laurent Binet, dessen Buch bereits 2019 in Frankreich erschien und in Deutschland 2025 einen sensationellen Start hingelegt hat. 

Der Inhalt


Florenz 1557. In Italien bekämpfen sich Herzoge und Grafen gegenseitig. Der französische König schielt auf Eroberungen in Italien. Der Papst muss auf die Reformation reagieren und besinnt sich auf alte Werte, weltliche Freuden werden aus der Kirche verdrängt. Keine leichte Zeit für Freskenmaler wie Michelangelo oder seinen Schüler Potormo, die große, nackte Leiber an die Wände und Decken der Kirchen malten. Seit mehr als 10 Jahren arbeitet Jacopo Potormo an seinem Fresko in der Kirche San Lorenzo und wird im Februar ermordet in seiner Werkstatt aufgefunden. Der ehrgeizige Graf Cosimo beauftragt den Künstler und Staatsmann Giorgio Vasari mit den Ermittlungen. Schnell gibt es erste Verdächtige, aber auch ein noch größeres Problem. Ein Gemälde mit der nackten, aufreizenden Venus taucht auf. Mit dem Gesicht von Cosimos Tochter. Welch Skandal!! Nun beginnt eine Spurensuche in der Künstlerszene, der europaweite Adel wittert seine Chance auf Schwächung des Herzogs und intrigiert ohne Ende. Für Vasari ergeben sich immer neue Spuren und neue Skandale. Ist womöglich der große Michelangelo der Mörder? In den Briefen folgt der Hörer den individuellen Sichtweisen und wird selbst zum Ermittler. Zum Ende hin wird die Story immer dramatischer.

Die szenische Lesung  

 

Der Autor beansprucht nicht, reales Geschehen abzubilden. Dennoch kann alles, so wie es erzählt wird, geschehen sein. Die Konstruktion des Autors ist ungewöhnlich, eignet sich aber sehr gut für diese Art Inszenierung: Es ist ein Briefroman, in dem etwa 20 beteiligte Personen sich Briefe bzw. Eildepeschen schreiben, die sie selber vorlesen. Die Hörer sollten sich aus dem Netz die Personenliste des Buches downloaden. Entsprechend gibt es reichlich unterschiedliche Perspektiven auf den Todesfall und jede Menge Intrigen, Machtkämpfe und ähnliches. Für den Hörer bietet sich damit die Möglichkeit, selbst zum Ermittler zu werden, da er ja im Gegensatz zu den Briefschreibern alle Briefe kennenlernt. Das macht die Spannung dieses Werks aus, dass sich ja insgesamt über fast 8 Stunden hinzieht.  Die Briefe sind in der Sprache der Zeit formuliert, man kann sich hineinhören, aber mit der Zeit ist es Zuviel des Guten. Die Rollen sind alle hochkarätig besetzt und gut wiederzuerkennen. Anders als bei Hörbuchsprechern können sie ihre Stimmkunst ganz einer Figur mit allen ihre Facetten widmen.  Musik und Geräusche fehlen. Neben dem Krimicharakter ist es also eine informative Reise durch die Renaissance, die ein wenig an die große Hilary Mantel erinnert, die ja mit einem großen Hörspiel (Brüder) gewürdigt wurde. Die von Brunelleschi entdeckte malerische Perspektive ermöglichte es den Künstlern, die Realität ganz neu und anders darzustellen. Das ändert die Sichtweise auf die Wirklichkeit oder Wahrheit. Leider verrennt sich der Autor in den vielen Nebenhandlungen, die zwar ein Zeitpanoptikum abbilden, aber die Handlung kaum vorantreiben und eher die Belesenheit eines ehemaligen Geschichtslehrers dokumentieren

 

Fazit

 

Der Hörer muss schon Geduld aufbringen und Interesse an historischen Themen. Passionierte Hörbuchlauscher werden sich über die Stimmvielfalt freuen. Wer dabei einschläft, verliert allerdings den Faden.

 

Wertung 65 %

 

Dauer ca. 120 Min.

 

Verfügbarkeit

 

ARD Audiothek; allerdings nicht als Download

 

 

 

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© ARD / Jürgen Frey   Hochkarätiger kommen nur wenige Radio-Tatorte daher: Regiegenie Leonhard Koppelmann, renommierter Autor Martin Mosebac...